Wie Preisverhandlungen mit Krankenkassen funktionieren: Was Patienten und Anbieter wissen müssen

Wie Preisverhandlungen mit Krankenkassen funktionieren: Was Patienten und Anbieter wissen müssen
Wie Preisverhandlungen mit Krankenkassen funktionieren: Was Patienten und Anbieter wissen müssen
  • von Fabian Grünwald
  • an 9 Jan, 2026

Im Januar 2026 treten die ersten verhandelten Preise für zehn teure Medikamente in Deutschland und den USA in Kraft - und das verändert, wie Krankenkassen und Hersteller über Preis und Rabatte sprechen. Es ist kein Zufall, dass diese Medikamente - wie Eliquis, Jardiance oder Xarelto - jährlich Milliarden kosten. Sie haben keine Generika oder Biosimilars auf dem Markt, und bis vor kurzem durften Krankenkassen nicht einmal verhandeln. Jetzt tun sie es. Und das hat Folgen für jeden, der verschreibungspflichtige Medikamente nimmt.

Was hat sich eigentlich geändert?

Bis 2022 durfte Medicare in den USA nicht mit Pharmaunternehmen über Medikamentenpreise verhandeln. Das galt als tabu - seit der Einführung von Medicare Part D im Jahr 2003. Private Krankenversicherer konnten Rabatte aushandeln, aber der öffentliche Gesundheitsfonds blieb machtlos. Die Folge: Ein Medikament wie Eliquis kostete in den USA fast doppelt so viel wie in Kanada oder Deutschland. Kein Wunder, dass 72 % der Medicare-Empfänger 2023 die Preisverhandlung unterstützten - laut einer Umfrage des Kaiser Family Foundation.

Mit dem Inflation Reduction Act von 2022 wurde das verbotene Spiel verboten. Jetzt kann die Regierung direkt mit Herstellern verhandeln. Der erste Durchlauf ist abgeschlossen: Acht Monate lang haben die Behörden mit zehn Pharmafirmen verhandelt. Ergebnis? Rabatte zwischen 38 % und 79 %. Das ist kein kleiner Schnitt - das ist ein Systemwechsel.

Wie läuft eine Preisverhandlung ab?

Es ist kein Marktgespräch im Supermarkt. Es ist ein streng regulierter Prozess mit klaren Regeln:

  1. Selektion: Nur Medikamente ohne Konkurrenz durch Generika oder Biosimilars kommen in Frage - und nur, wenn sie mindestens sieben Jahre auf dem Markt sind (11 Jahre für Biologika).
  2. Angebot: Die Behörde (in den USA: CMS) berechnet einen „Fair Price“ - basierend auf den tatsächlichen Ausgaben, der Kliniknutzung und der Verfügbarkeit anderer Medikamente.
  3. Counteroffer: Der Hersteller hat 30 Tage Zeit, ein Gegenangebot zu machen. Meistens senken sie ihren Preis - aber nicht immer genug.
  4. Verhandlungsrunden: Drei Treffen, oft schriftlich, manchmal persönlich. Die Behörde kann das Angebot nach oben korrigieren, der Hersteller nach unten.
  5. Endgültiger Preis: Der niedrigste Preis, der beiden Seiten akzeptabel ist, wird festgelegt. Kein Verhandlungsergebnis darf über einem gesetzlichen Obergrenzenwert liegen.
Im ersten Durchlauf haben fünf Hersteller während der Gespräche zugestimmt. Die anderen fünf haben erst nach Abschluss der Treffen schriftlich eingewilligt. Kein Hersteller hat sich komplett geweigert - aber vier haben Klage eingereicht. Die Gerichte haben bisher alle abgewiesen. Die Rechtsstreitigkeiten sind aber noch nicht vorbei.

Was bedeutet das für Patienten?

Die Rabatte kommen nicht automatisch bei Ihnen an - aber sie kommen.

Für Medicare-Empfänger bedeutet das: Im Januar 2026 zahlen Sie weniger für diese zehn Medikamente. Die genauen Einsparungen hängen davon ab, in welcher Phase Ihrer Versicherung Sie sind:

  • Im „Donut Hole“ (Lücke): Sie sparen am meisten - weil die Preisreduktion direkt auf Ihre Selbstbeteiligung wirkt.
  • Im katastrophalen Schutz: Die Einsparung ist kleiner, weil Sie nur 5 % des Preises zahlen - aber der Gesamtbetrag sinkt trotzdem.
  • Bei Privatversicherten: Viele private Versicherer passen ihre Preise an. Warum? Weil sie nicht mehr mehr zahlen wollen als Medicare. Das nennt man „Spillover-Effekt“ - und er könnte private Versicherungen bis zu 250 Milliarden US-Dollar in zehn Jahren sparen.
Einige Patienten befürchten, dass sie bestimmte Medikamente nicht mehr bekommen, wenn der Hersteller das Medikament teurer macht oder die Lieferung einschränkt. Das ist theoretisch möglich - aber bisher hat kein Hersteller ein Medikament aus dem Markt genommen, nur weil es verhandelt wurde.

Patient erhält Rezept mit reduziertem Preis an der Apothekenkasse, digitale Anzeige leuchtet in Neonfarben.

Wie beeinflusst das Ärzte und Apotheken?

Ärzte, die Medikamente verabreichen (z. B. bei Krebs oder Autoimmunerkrankungen), bekommen ihre Vergütung nicht mehr nach dem „Durchschnittsverkaufspreis“ (ASP) plus 6 %. Ab 2028, wenn auch diese Medikamente verhandelt werden, bekommen sie den verhandelten Preis plus 6 %. Das klingt harmlos - aber viele Praxen rechnen mit Einnahmeverlusten von bis zu 1,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Apotheken und Apothekenmanagementsysteme müssen bis Oktober 2025 ihre Preislisten aktualisieren. 78 % der Pharmazie-Systeme haben bereits Schulungen für ihr Personal gestartet. Warum? Weil der Preis, den Sie am Kassenbon sehen, nicht mehr der Listenpreis ist - sondern der verhandelte Preis. Und wenn die Software nicht up-to-date ist, zahlen Sie falsch - entweder zu viel oder zu wenig.

Warum ist das ein Wendepunkt?

Bisher war die Pharma-Industrie der Meinung, dass Preisverhandlungen Innovationen stoppen. Sie sagten: „Wenn wir nicht mehr verdienen, forschen wir nicht mehr.“ Die Regierung sagt: „Wir zahlen nicht für Überpreise - wir zahlen für Wirkung.“

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die zehn verhandelten Medikamente haben 2022 allein bei Medicare 50,5 Milliarden US-Dollar gekostet. Eliquis allein: 6,3 Milliarden. Das ist mehr als das gesamte Budget vieler kleinerer Krankenhäuser. Wenn man jetzt 50 % davon spart, hat man Geld für andere Dinge - für neue Medikamente, für bessere Versorgung, für Prävention.

Die Industrie hat 112 Milliarden US-Dollar an Innovationseinbußen prognostiziert. Die Regierung sagt: „Das ist übertrieben.“ Die Realität: In den letzten zehn Jahren haben Pharmafirmen 1,4 Billionen US-Dollar in Forschung investiert - und trotzdem haben nur 26,7 % der neuen Medikamente nach sieben Jahren keine Konkurrenz. Das heißt: Die meisten Medikamente werden nicht einmal verhandelt - weil sie schon von Generika verdrängt wurden.

Gigantische Medikamente ziehen in eine Festung, Ärzte und Patienten beobachten von Klippen aus, Symbol für Preisreform.

Was kommt als Nächstes?

2027: 15 weitere Medikamente kommen in die Verhandlung - unter anderem Farxiga und Stelara. 2028: Erstmals werden auch Medikamente verhandelt, die Ärzte in der Praxis verabreichen - nicht nur die, die Sie in der Apotheke abholen.

Die nächste große Frage: Werden die Fristen für die Verhandlungsfähigkeit verkürzt? Derzeit müssen Medikamente sieben Jahre auf dem Markt sein. Aber wenn das auf fünf Jahre reduziert wird, könnten bis zu 47 % mehr Medikamente verhandelt werden - jedes Jahr.

Und was ist mit Deutschland? Hier verhandeln die Krankenkassen schon seit Jahren mit Herstellern - aber nicht öffentlich, nicht transparent, nicht mit einem festen Verfahren. In den USA wird jetzt ein Modell getestet, das auch hier Schule machen könnte. Denn wer will schon für ein Medikament zahlen, das in anderen Ländern halb so viel kostet?

Was sollten Sie jetzt tun?

Wenn Sie ein verhandeltes Medikament einnehmen:

  • Prüfen Sie im Januar 2026 Ihre Rechnung - der Preis sollte niedriger sein.
  • Wenn Ihr Arzt ein alternatives Medikament vorschlägt, fragen Sie: „Ist das wegen des Preises oder wegen der Wirksamkeit?“
  • Informieren Sie sich über Ihre Versicherung: Haben sie ihre Formulare angepasst?
  • Wenn Sie eine private Versicherung haben: Fragen Sie, ob die Rabatte auch auf Sie übertragen werden.
Es geht nicht darum, dass alles plötzlich billiger wird. Es geht darum, dass die Preise endlich fair werden - und dass niemand mehr zahlen muss, weil jemand anderes nicht verhandelt hat.

Was ist der Unterschied zwischen einem Rabatt und einem verhandelten Preis?

Ein Rabatt ist ein temporärer Preisnachlass, den ein Hersteller einer Krankenkasse gewährt - oft im Austausch für eine bessere Platzierung in der Liste. Ein verhandelter Preis ist ein verbindlicher, gesetzlich festgelegter Höchstpreis, der für alle Versicherungen gilt. Er ist nicht verhandelbar - er ist verpflichtend.

Können private Krankenkassen die verhandelten Preise ignorieren?

Nein. In den USA müssen alle Versicherungen, die Medicare-ähnliche Leistungen anbieten, die verhandelten Preise übernehmen. Private Versicherer tun es oft sogar freiwillig, weil sie sonst höhere Kosten haben würden. In Deutschland wird der verhandelte Preis nicht direkt übernommen - aber viele Krankenkassen passen ihre Preise an, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Warum werden nur bestimmte Medikamente verhandelt?

Nur Medikamente ohne Konkurrenz (keine Generika, keine Biosimilars) und mit hohen Ausgaben kommen in Frage. Außerdem müssen sie mindestens sieben Jahre auf dem Markt sein. Das verhindert, dass neue, innovative Medikamente sofort verhandelt werden - aber es stellt sicher, dass die teuersten und am wenigsten konkurrenzierten Medikamente zuerst angegangen werden.

Beeinflusst das die Verfügbarkeit von Medikamenten?

Bisher nicht. Kein Hersteller hat ein verhandeltes Medikament vom Markt genommen. Einige haben die Produktion erhöht, um die Nachfrage zu decken. Wenn ein Medikament nicht mehr verfügbar wäre, wäre das ein Verstoß gegen die Verhandlungsvereinbarung - und würde zu Strafen führen.

Wann kommen die nächsten Medikamente in die Verhandlung?

Die zweite Runde mit 15 Medikamenten beginnt im Januar 2025 und endet im November 2025. Die neuen Preise gelten ab Januar 2027. Danach folgen jährlich 15 bis 20 neue Medikamente - bis 2030 sind es bis zu 80 verhandelte Medikamente. Die Liste wird jedes Jahr im Januar veröffentlicht.

8 Comments

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    Thea Nilsson

    Januar 10, 2026 AT 10:37
    Ich finds krass, dass die jetzt endlich was tun... aber ich wette, die Pharmafirmen haben schon nen Plan B, um das alles wieder aufzuheben. 😏
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    Nina Kolbjørnsen

    Januar 12, 2026 AT 05:48
    Endlich! Ich hab jahrelang für Eliquis gezahlt wie ein Idiot. Jetzt endlich wird mal was fair. 💪
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    Øyvind Skjervold

    Januar 12, 2026 AT 12:42
    Ich finde es wichtig, dass die Verhandlungen transparenter werden... aber man sollte auch bedenken, dass Ärzte und Apotheken dadurch unter Druck geraten. Das ist kein einfaches Spiel.
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    Barry Gluck

    Januar 12, 2026 AT 19:37
    Genau das brauchen wir! Endlich wird der Preis nicht mehr von Profitgier bestimmt, sondern von Nutzen. Und ja, die 6% für Ärzte sind ein Problem, aber das lässt sich lösen. Nicht alles muss kaputtgehen, nur weil es fair wird.
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    Péter Braun

    Januar 13, 2026 AT 17:03
    Das ist doch ein klarer Beweis dafür, dass der Staat endlich Verantwortung übernimmt. Wer sich gegen diese Preise wehrt, schützt nur die Profiteure. 🚫💸
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    Kari Gross

    Januar 14, 2026 AT 22:43
    Die Bundesregierung sollte dieses Modell übernehmen. Warum zahlen wir in Deutschland immer noch so viel für Medikamente, die in den USA jetzt günstiger sind? Das ist unverantwortlich.
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    Andreas Rosen

    Januar 16, 2026 AT 01:54
    Das ist doch nur der Anfang. Bald werden sie auch bei Insulin und Blutdruckmedikamenten ran. Und dann? Wer bezahlt die Forschung? Die Pharmafirmen werden abwandern. Deutschland wird bald kein innovatives Medikament mehr haben.
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    Max Veprinsky

    Januar 17, 2026 AT 07:30
    Interessant... aber die Zahlen stimmen nicht ganz. Die 1,4 Billionen Forschungsausgaben beinhalten auch Marketing, Lobbying, und Patentverlängerungen. Die echte Innovationsausgabe liegt bei unter 300 Milliarden. Und davon sind 70% für Nachfolgeprodukte. Also... nein, das ist kein Beweis für Innovation.

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